Seit wann stehen eigentlich überall Harleys?

"Über selektive Wahrnehmung und wie unser Fokus bestimmt, was uns an anderen auffällt"

Vor ein paar Wochen habe ich mir eine Harley-Davidson gekauft.
Und seitdem passiert etwas Merkwürdiges: Überall stehen Harleys...
Vor einem Restaurant. An der Tankstelle. Auf dem Weg nach Zürich. Auf irgendeinem Parkplatz.
Und ich höre sie.
Dieses typische Motorengeräusch, irgendwo hinter mir auf der Strasse, oder wenn ich auf der Terrasse stehe, und meine Aufmerksamkeit ist sofort da.
Tja, ich gehe davon aus, das diese Harleys vorher vermutlich auch schon da waren.
Nur haben sie mich kaum interessiert.
Mein Blick war eher auf andere Motorräder gerichtet. Eine Triumph hätte meine Aufmerksamkeit wahrscheinlich schneller geweckt.
Dann begann ich, mich intensiv mit Harley-Davidson zu beschäftigen. Modelle vergleichen, Motoren, Umbauten, Auspuffanlagen, Sitzpositionen. Details, die mir vorher kaum etwas gesagt hätten.
Und plötzlich scheint die Welt voller Harleys zu sein.
Natürlich sind in den letzten Wochen nicht einfach viel mehr davon aufgetaucht.
Verändert hat sich mein Fokus.
Unser Gehirn ist permanent mit einer unglaublichen Menge an Informationen konfrontiert. Nicht alles davon kann gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit bekommen. Was für uns gerade relevant ist, interessant erscheint oder zu dem passt, womit wir uns beschäftigen, bekommt eher unsere Aufmerksamkeit.
Und genau dieser Mechanismus begegnet mir auch in Coachings und Trainings.
Ein Mitarbeiter ist überzeugt:
"Mein Chef kontrolliert mich ständig."
Von diesem Moment an fallen ihm vor allem Situationen auf, in denen sein Chef nachfragt, sich einmischt oder eine Rückmeldung möchte.
Oder eine Führungskraft denkt:
"Mein Mitarbeiter übernimmt einfach keine Verantwortung."
Plötzlich werden genau jene Situationen besonders sichtbar, in denen er nochmals nachfragt oder eine Entscheidung absichern möchte.
Das bedeutet nicht, dass diese Wahrnehmungen falsch sind.
Vielleicht kontrolliert der Chef tatsächlich zu stark. Vielleicht übernimmt der Mitarbeiter tatsächlich zu wenig Verantwortung.
Die interessante Frage ist eine andere:
Was sehe ich gerade besonders deutlich, weil mein Fokus darauf gerichtet ist? Und was sehe ich dadurch möglicherweise weniger?
Genau hier arbeite ich gerne mit Perspektiven, Distanz und Kontext.
Was verändert sich, wenn ich einen Schritt zurücktrete?
Was würde eine andere beteiligte Person sehen?
Welche Beobachtungen passen nicht zu meiner bisherigen Erklärung?
Und was entdecke ich, wenn ich meine Aufmerksamkeit bewusst einmal auf etwas anderes richte?
Manchmal verändert sich dadurch nicht die Situation.
Aber das Bild, das wir von ihr haben, wird grösser.
Seit ich meine Harley habe, werde ich vermutlich weiterhin das Blubbern eines V2 aus ziemlich grosser Entfernung wahrnehmen. Das darf auch so bleiben.
Aber es erinnert mich an etwas:
Nur weil mir etwas überall auffällt, bedeutet das noch nicht, dass es überall häufiger geworden ist. Vielleicht ist meine Aufmerksamkeit einfach besonders gut darin geworden, es zu finden.
Probier es doch einmal selbst aus.
Nimm dir für die nächsten Tage etwas vor, das dir normalerweise kaum auffällt. Eine bestimmte Automarke. Menschen mit roten Schuhen. Gelbe Haustüren. Oder etwas anderes, das in deinem Alltag keine besondere Bedeutung hat.
Beschäftige dich kurz damit und nimm dir bewusst vor, darauf zu achten.
Und dann beobachte, was passiert.
Wie oft begegnet es dir plötzlich?
Wahrscheinlich war es vorher schon da. Nur dein Fokus war woanders.
Und wenn du das Experiment noch einen Schritt weiterführen möchtest, probiere dasselbe mit einem Thema aus deinem Berufsalltag:
Wenn du beispielsweise überzeugt bist, dass jemand "nie Eigeninitiative zeigt", richte deine Aufmerksamkeit für eine Woche ganz bewusst auf die gegenteilige Frage:
"Wann zeigt diese Person Eigeninitiative, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist?"
Es geht weniger darum, deine bisherige Wahrnehmung zu widerlegen. Vielmehr darum herauszufinden, was noch da ist, wenn du den Fokus veränderst.
Vielleicht entdeckst du keine einzige Harley.
Aber möglicherweise etwas anderes, das vorher ausserhalb deines Blickfeldes lag.
-Lukas-



